Lektine und der Mensch

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Dr. Steven Gundry im Interview über sein Buch “The Plant Paradox”. Es erscheint im März unter dem deutschen Titel “Böses Gemüse”

Es ist paradox, im wahrsten Sinne des Wortes: Gemüse enthält viele Vitamine und Mineralien – und kann doch ungesund sein. Ebenso Vollkorn: eine hohe Nährstoffdichte und trotzdem können ernsthafte Erkrankungen die Folge von Verzehr von Getreide des vollen Korns sein. Wie kann das sein? Es macht doch keinen Sinn, oder doch?

In einem exklusiven Interview mit dem Vitalstoffblog erläutert der Arzt und ehemalige Universitätsprofessor für Kardiologie, Dr. Steven Gundry, die Logik hinter seinem Buch “The Plant Paradox”, welches am 5. März unter dem leicht provokanten Titel “Böses Gemüse” beim Beltz Verlag in deutscher Sprache erscheinen soll.

Gundry ist durch einen Patienten auf die Spur gebracht worden, dass Lektine ernsthaft krank machen können und dass Lektinvermeidung die jeweilige Erkrankung (im Fall des Patienten “Big Ed” war es eine lebensbedrohende Koronare Herzerkrankung) wieder rückgängig machen kann. Natürlich spielen auch Vitalstoffe in diesem Zusammenhang eine Rolle, bekennt Gundry im Interview.

Was paradox klingt, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als ziemlich logische Konsequenz evolutionären Drucks: Pflanzen wollen nicht gefressen werden, und erst recht wollen sie nicht, dass ihre Samen gefressen werden. Weil sie sich nicht verstecken und auch nicht fliehen oder physisch angreifen können, haben sich Pflanzen chemische Abwehrmechanismen zugelegt, die ihren Fraßfeinden den Spaß am gesunden Essen vergällen sollen: Lektine.

Hierunter sind eine Reihe unterschiedlichster Proteine zusammengefasst, die eines verbindet: sie heften sich an Zuckermoleküle, weshalb man sie auch Klebeeiweiße nennt. Glutene sind eine Untergruppe von Lektinen, und auch sie werden in der Ernährungsindustrie just wegen ihrer praktischen Bindungsfähigkeit geschätzt: sie verleihen vielen Speisen Konsistenz und Struktur. Dass sie dummerweise auch krank machen, ist im Fall von Gluten inzwischen bewiesen, bei Lektinen ist das Bewusstsein noch schlechter ausgeprägt.

Denklogisch fällt uns noch schwer, die Botschaft von Gundry (und zahlreichen Mitstreitern) zu verstehen und zu akzeptieren: wir haben doch bereits hunderttausende von Jahren der Evolution überstanden, in denen wir Pflanzen gegessen haben, ohne zu versterben. Warum sollen Lektine plötzlich toxisch sein?

Die gute Nachricht: sie sind nicht plötzlich toxisch, und schon gar nicht alle Lektine gleichermaßen. Je länger unser Stoffwechsel (in Symbiose mit unseren Darmbakterien) sich auf Pflanzenlektine einstellen konnte, desto problemloser sind sie für uns.

Die schlechte Nachricht: es gibt Lektine in Getreide und Hülsenfrüchten, die wir erst seit wenigen tausend Jahren zu uns nehmen, und die wir nur schlecht verdauen. Bei Nachtschattengewächsen und Prseudonüssen wie Cashew oder Erdnuss (beides sind Hülsenfrüchte mit extrem hoher Lektinfracht) ist diese Gewöhnungszeit mit wenigen hundert Jahren seit der Entdeckung Amerikas nicht viel mehr als ein evolutionärer Wimpernschlag.

Gundry beschreibt im Interview, wie diese Lektine sehr wohl toxische Wirkung besitzen: etwa wenn sie sich an Sialinsäure binden und damit die Kommunikation zwischen Nervenzellen unterbinden. Dieser Mechanismus wurde von Pflanzen gegen ihre Fraßfeinde entwickelt – und die ersten Fraßfeinde waren Insekten, die auf diese Weise sehr schnell getötet oder gelähmt wurden, da ein kleines Insekt mit relativ wenig Lektinmolekülen außer Gefecht gesetzt werden kann. “Menschen sind einfach etwas groß geratene Insekten”, erläutert Steven Gundry im Interview. Entsprechend dauert es länger, bis sich die Wirkung zeige.

Dass die Wirkung existiert, belegt Gundry in der Beweisumkehr: eliminiert man systematisch alle Lektine aus der Nahrung von Patienten, normalisieren sich die pathologischen Marken von Erkrankungen wie Lupus, rheumatischer Artritis oder der Weißfleckenkrankheit Vitiligo. Allen Erkrankungen ist gemein, dass sich das Immunsystem des Kranken gegen sich selbst, bzw. gegen bestimmte Proteingewebe des Patienten richten. Fachleute sprechen vom Pänomen der molekularen Mimikry.

Dass es so weit überhaupt kommt, ist nach Gundry und anderen Mediziner wie Amy Myers (“Die Autoimmunlösung”) nur möglich, weil Lektine nach und nach zuerst die schüztende Schleimschicht vor der Darmwand aufzehren (der Schleim besteht aus Vielfachzuckermolekülen, Polysaccharide, welche die Lektine binden, aber irgendwann kapitulieren, wenn kein Nachschub mehr kommt, obwohl Lektine stetig angreifen), bevor sie an den ebenfalls mit Zuckermolekülen besetzten Tight Junctions der Darmwand selbst andocken und die eigentlich “undurchdringliche Verbindung” knacken. Dies geschieht mittels der Freisetzung einer Sesam-öffne-dich-Substanz namens Zonulin.

Sind die Tight Junctions einmal offen, gelangen Lektine und Lipopolysaccharide (LPS) genannte abgestorbene Reste bakterieller Zellwände in den Kreislauf des Immunsystems. Die Körperabwehr ist alarmiert angesichts der immer zahlreicher auftretenden körperfremden Proteine. Die Antikörper gegen die Eindringlinge richten sich im Status wachsender Überforderung des Immunsystems schliesslich gegen körpereigene Gewebe, die sie infolge der molkekukaren Mimikry schlicht als Feind ansehen und angreifen.

Während solche Falle von Autoimmunerkrankungen früher medizinisch sehr selten auftraten, ist durch ein Zusammenspiel von ungünstigen Faktoren (Lektine werden in ihrer Wirkung von Umweltgiften wie Glyphosat verstärkt, während die Zunahme von Anibiotika – direkt oder durch Verzehr antibiotisch behandeltem Schlachtviehs – das menschlich Mikrobiom viel schneller und viel stärker schwächt. Dritter Faktor ist laut Gundry ein exzessiver Gebrauch nichtsteroider Schmerzmittel, die bereits im Dünndarm zu einer Durchlässigkeit – Leaky Gut – führt) heute eine “Epidemie an Autoimmunerkrankungen” (Gundry, Minute 40:41) zu verzeichnen.

Ein Ausweg aus dieser fatalen Spirale ist nach Gundy nur möglich, wenn einerseits die Darmgesundheit durch Abheilung der Tight Junctions und Pflege einer gesunden Darmflora wiederhergestellt werden kann. Dazu ist ein zumindest vorübergehend ein völliger Verzicht auf Lektine notwendig, bevor vorsichtig die Tolerierung von einzelnen Nahrungsmitteln Schritt für Schritt getestet und mittels Blutanalyse auf relevante Marker überwacht werden muss.

Was die Zufuhr von Vitalstoffen angeht, hat sich Steven Gundry übrigens vom Saulus zum Paulus gewandelt: hatte er ursprünglich seinen Patienten Big Ed noch auslachen wollen (“Sie haben nichts als teuren Urin erzeugt. So dachte ich wirklich”, 03:45), empfiehlt Gundry heute präventiv (!) mindestens 5.000 i.E. Vitamin D (“ich halte meinen Spiegel seit zehn Jahren auf über 120 ng/ml”) sowie reichlich Omega 3 Fettsäuren, um die Darmschleimhaut intakt zu halten. “Omega 3 Fettsäuren und Vitamin D sind zwei der besten Maßnahmen, um unsere Darmschleimhaut gesund zu erhalten” (45:28).

Veröffentlicht von

Uwe Alschner

Uwe Alschner, Dr. phil. M.A., Traumdoc, Big Five for Life® Coach, ist begeisterter Blogger und Coach.

11 Gedanken zu „Lektine und der Mensch“

  1. Gibt es Informationen darüber welchen Einfluss das Keimen von Getreide auf die Lektine hat? Ich habe mir nun, nachdem es lange hieß, wie schlecht Weißmehl sei, angewöhnt morgens Müsli zu essen und bin gerade auf leckeres gekeimtes Vollkornmüsli gestoßen – natürlich ohne Weizen- aber Gundry schließt ja kein Getreide vollkommen aus. Die Information, dass das auch nicht gesund sein soll, macht mich etwas ratlos und hinterlässt bei mir den Eindruck, dass ich bald gar nichts mehr guten Gewissens essen kann.

    1. Danke für dein Interesse und deine Frage! Das Keimen hat keinen positiven Einfluss auf die Lektine. Im Gegenteil: der Keim ist ja bereits die neue Frucht und so wird in gekeimtem Getreide mehr/neue Lektine erzeugt.
      Fermentation ist eine Hilfe, weil damit (Hefe etwa oder Sauerteig) die molekulare Struktur der Lektinproteine aufgebrochen wird, so Gundry.
      Vollkorn ist deswegen gelobt und empfohlen worden, weil es Nährstoffdichte und auch Ballaststoffe enthält. Das stimmt. Allerdings war seinerzeit der schleichend-toxische Effekt von Lektine nicht genug (gar nicht) bekannt. Dem Nutzen der Nährstoffdichte steht also der abträgliche Effekt der Lektine gegenüber.
      Gluten ist eines der bekannteren Lektine. Es gibt nachgewiesene negative Auswirkungen auf die Tight Juctions, die Verbindung der Darmwandzellen. Allerdings ist die Wirkung von anderen Lektinen, wie Weizenkeimagglutinin (WGA) diesbezüglich noch aggressiver. WGA ist auch keinesfalls nur im Weizen enthalten, sondern auch in anderen Getreidesorten.
      Ich persönlich habe bereits vor dreißig Jahren gekeimtes Müsli probiert. Von Lektinen, auch von Gluten, war damals noch keine Rede. Ich habe nach anfänglichen positiven Erfahrungen jedoch nach einigen Wochen starke Beeinträchtigungen gespürt hinsichtlich meines allgemeinen Wohlbefindens. Heute würde man wohl “Brain-Fog” sagen. Habe dann mit dem Müslibrei wieder aufgehört und es wurde wieder besser. Aus heutiger Sicht ließe sich das mit der Bindung von Sialinsäure durch WGA erklären. Ist nie untersucht worden bei mir, aber wäre plausibel.
      Was das Gute Gewissen und die Freude am Essen angeht: Verstehe dich da gut. Möchte zwei Dinge entgegnen. Erstens: sofern du keine Beachwerden hast, auf die du achten musst, weil es dir sonst schlecht geht, hast du ja die Freiheit, auf Lektine zu achten soweit es geht. Und wenn es nicht geht, dann ist es eben so.
      Zweitens: Gundry beschreibt (nach meinem Verständnis) den Effekt von Lektinen in einer belasteten Umwelt, die dazu beiträgt, die Wirkung von Lektinen zu verstärken und/oder den natürlichen Schutz, den wir zu einem gewissen Maße auch haben (etwa durch Produktion von Schleim – Mucopolysaccharide = schleimige Mehrfachzucker), zu minimieren. Daher ist es aus meiner Sicht viel wichtiger, die „7 Disruptoren“ zu vermeiden und den Schutzmechanismus zu stärken. Unter anderem deshalb supplementiere ich MSM. Ohne MSM kein Schleim in den Schleimhäuten. Und je mehr Lektine ich verzehre (auch weil ich Ihnen nicht komplett ausweichen kann), desto weniger Schutzschicht auf meinen Schleimhäuten (und in meinen Gelenkknorpeln.
      Aus meiner Sicht ist es nicht die Frage, was wir (noch) essen (können), sondern, welches Bewusstsein wir haben, das Beste zu machen, aus dem, was da ist.
      Drittens, fällt mir ein: es gibt eine ganze Menge Dinge, die wir essen können, die uns nur aus dem Bewusstsein verloren gegangen waren, durch den Überfluss der industrialisierten Nahrungsmittelproduktion. Heimische Rüben beispielsweise, oder Brot ohne Getreide (mit Flohsamenschalen, Leinsaat und anderen Ballaststoffen). Sehr lecker und gesund.

      1. Ok… Danke für die ausführliche Antwort!
        Zu den 7 Disruptoren habe ich jetzt nochmal nachgelesen und mache das Handy gleich wieder aus, wenn ich fertig bin mit Schreiben 😉 Zu dem Süßstoffthema fiel mir ein, dass Frau Dr. Wenzel sehr positiv über Xylit schrieb und ich das deshalb auch noch verwende. Trifft das denn auch darauf zu?
        MSM habe ich mir heute gleich mal aus der Apotheke mitgenommen, weil ich da jetzt schon öfter positives von gehört und gelesen habe.
        Wegen dem Ibuprofen mache ich mir Gedanken, weil das ja vor allem in dem Fiebersaft enthalten ist, den ich meinen Kindern manchmal verabreiche. Allerdings nehmen sie den halt auch lieber als Paracetamolzäpfchen. Fällt dir dazu noch etwas Nachdenkenswertes ein?

      2. Zum Paracetamol steht auf der Liste. Mein Text ist nur eine Zusammenfassung. Von Fieberzäpfchen halte ich persönlich sehr wenig. Generell ist es wohl sehr empfehlenswert, wenn du dir das Gundry-Buch bestellst. Denn die Frage, warum Kinder (häufig) fiebern hat demnach durchaus auch die Komponente Ernährung und Darmgesundheit. Ein zweites lesenswertes Buch dazu wäre auch „Die Autoimmun-Lösung“ von Dr. Amy Myers. Das Buch ist etwas älter und geht – außer auf Gluten – nicht auf Lektine ein. Möchte da jetzt nicht zu tief einsteigen, auch weil es hier eben nicht um therapeutische Empfehlungen geht und nicht gehen darf. Meine Ausführungen sind ein Informationsangebot zur persönlichen Meinungsbildung. Dass ich aber darüber schreibe, darfst du als Hinweis nehmen, dass ich den Ansatz sehr nachvollziehbar finde.

  2. Hallo, danke für deine Übersetzung!

    Ich habe eine Frage:
    ich habe eine Schilddrüsenunterfunktion, deswegen esse ich keine Kohlarten, da diese (angeblich?) goitrogen wirken. Ansonsten lebe ich Paleo, seit über zehn Jahren keinerlei Getreide, auch lektine meide ich so gut es geht, (aber bin damit immer auf Unverständnis gestossen, umso mehr freue ich mich, dass ein Arzt diese Sorge nun bestätigt!!)
    Könntest du Dr Gundry fragen, wie es mit Kohlsorten in Zusammenhang mit Schilddrüsenunterfunktion aussieht?
    Liebe Grüsse
    Angelina

    1. Hallo Angelina, Dr. Gundry kannst du natürlich auch selbst fragen. Über seine Website oder über Twitter. Allerdings würde es wahrscheinlich Sinn machen, der SU auf den Grund zu gehen. Es könnte sich um die Folgen einer Epstein-Barr-Virusinfektion handeln. Sollte ein Fachmann abklären, der integrativer Medizin ggü. aufgeschlossen ist.

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