»Wie man im reifen Alter jung stirbt«

Dr. Steven Gundry hat mit dem Buch “Das Paradox des Langen Lebens” ein weiteres Glied in der Argumentationskette zum Verständnis der Entstehung von Autoimmunerkrankungen vorgelegt. Wir veröffentlichen hier das Interview mit Herausgeber Uwe Alschner über das neue Buch im Wortlaut in deutscher Übersetzung:

Vitalstoff.Blog: Vielen Dank, Dr. Steven Gundry. Es ein großes Vergnügen, Sie erneut zum interview für das Vitalstoff.Blog begrüßen zu können! Bei unserem letzten Gespräch haben wir über Ihr damals neues Buch,  Böses Gemüse, gesprochen, welches ein wirklich großer Erfolg für Sie war. 34 Wochen war es auf der New York Times Bestsellerliste, wenn ich mich recht erinnere.

Es war aber auch für uns ein sehr beliebtes Thema. Das Vitalstoff.Blog erhält eine Menge Klicks in Bezug auf das Böse Gemüse, Lektine und alles was wir sonst noch besprochen haben. Deshalb: vielen Dank, dass Sie sich dazu bereit erklärt haben, ein weiteres Interview aufzunehmen! Es soll heute in um Ihr neues Buch gehen, welches gerade erschienen ist. Der Titel lautet Paradox des Langen Lebens.

Wir freuen uns darauf, es auf Deutsch lesen zu können. Wir freuen uns sehr, dass Sie sich zur Verfügung stellen, das Buch und seine Hauptaussagen hier in dieser Ausgabe zu besprechen. Nochmals, vielen Dank, Doktor Gundry!

Dr. Steven Gundry: Vielen Dank, dass Sie mich erneut eingeladen haben. Das Buch wird auch auf Deutsch erscheinen, ich bin mir nicht sicher, wann genau das sein wird. Aber freuen Sie sich drauf, es wird kommen. [Anm.: Es erschien am 18. September im Beltz-Verlag]

VB: Natürlich werden wir all unseren Lesern und Zuhörern die Information über die genauen Daten weiterleiten. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass ihre Bücher als konsequente Fortsetzungen zu verstehen sind. Ihr erstes Buch trug den Titel die Evolutionsdiät?

Dr. Gundry: Es hieß „Dr. Gundry’s Evolution Diet“.

VB: Darauf folgte dann The Plant Paradox, welches auf Deutsch einen komischen oder ungewöhnlichen Titel trägt, nämlich Böses Gemüse. Dennoch war es wirklich sehr, sehr wichtig, dass es auch auf Deutsch erschienen ist. Und jetzt folgt Das Paradox des Langen Lebens. Wie würden Sie das verbindende Motto beschreiben, welches sich durch Ihre drei Bücher zieht? Worum geht es im Paradox des Langen Lebens?

Gundry: Im Untertitel der Originalausgabe heißt es übersetzt: „Wie man im reifen Alter jung stirbt“. Und ich glaube genau das ist Das Paradox des Langen Lebens. Meiner Meinung will keiner von uns sterben oder älter werden. Aber wenn man dann die Medizin betrachtet, mag man auch nicht, was man sieht.

Wir sehen Menschen in Altenheimen, Menschen mit Knie- oder Hüftprothesen, wir sehen Menschen mit Herzerkrankungen und Krebs und wir sehen die wachsende, monströse Epidemie von Alzheimer-Demenz und Parkinson. Diese Zukunft sieht nicht so rosig aus.

Es gibt allerdings eine Menge interessanter Forschungsarbeiten, von anderen und auch von mir selbst, in dem Buch. Ich hoffe, meinen Lesern eine Art Karte zu geben, aus der man lesen kann, wie man jung bleibt oder seine Jungend behält, obwohl man eigentlich älter wird. Außerdem interessant ist, dass es, wie im Bösen Gemüse, nie zu spät ist Veränderungen vorzunehmen. Und genau das ist die essenzielle Aussage des Buches. 

VB: Ich will es einmal so formulieren: Das Böse Gemüse dreht sich um Autoimmunerkrankungen in Folge von Ernährung, als auch von Umwelteinflüssen war. Das Paradox des Langen Lebens befasst sich mit dem Prozess eines langen und gesunden Lebens, was in unserer Genetik nicht die allerhöchste Priorität besitzt. Kann man das so sagen?

Gundry: Ja, ich glaube das ist eine gute Beschreibung. Es ist meiner Meinung was das Paradox des Langen Lebens vom Bösen Gemüse unterscheidet. Im Bösen Gemüse verbringe ich eine Menge Zeit mit dem Thema Mikrobiom, den Bakterien die in unserem Darm, unserer Umgebung und auf uns leben. Im neuen Buch gebe ich eine tiefergehende Erklärung dafür, warum die Beziehung zwischen unserer Darmwand und dem Mikrobiom so wichtig ist. 

Ende letzten Jahres wurde eine wirklich interessante Forschungsarbeit in der Zeitschrift Nature veröffentlicht, die die Bedeutung der menschlichen Gene, gewissermaßen also unserer Familiengeschichte, auf unsere Langlebigkeit zum Thema hat. Und sie haben herausgefunden, dass unsere Familiengeschichte nur einen recht geringen Einfluss von etwa 6 Prozent auf das hat, was mit uns passiert. Den größten Einfluss hat unsere Umwelt, die Nahrung, die wir essen and die Vielfältigkeit und Art von Mikroorganismen oder Bakterien. 

Richtig interessant wird es, wenn man 105 Jahre alte Menschen auf der ganzen Welt betrachtet, gesunde 105-Jährige. Sie haben eine vielfältige Bakterienpopulation wie gesunde 30-Jährige! (…) Wir können uns einen Satz Bakterien heranziehen und kultivieren, die uns, ihr Zuhause, für sehr lange Zeit sehr gesund halten werden. Das Buch berichtet auch über richtigen Schritte, wie genau das geht. 

VB: Ihre Bücher sind sehr erfolgreich, aber unter einigen Ihrer Kollegen sehr umstritten. Wenn Sie erlauben, würde ich genau diese Kritik gerne mit Ihnen besprechen. Für mich als Leser, der sehr interessiert an fundierten Erkenntnissen und Hinweisen ist, war es sehr überzeugend, was Sie in Ihren Büchern beschreiben. Aber manche Ihrer Kollegen sagen, dass es nicht genug wissenschaftliche Studien mit Menschen gibt, um Ihre Thesen zu unterstützen. 

Als ich das las, habe ich gedacht, das mag ja sein. Ich kann es nicht wirklich beurteilen, ich habe zwar Ihre Verweise nachgeschlagen, aber nicht die gesamte wissenschaftliche Literatur gelesen. Es ist für mich aber klar erkennbar, dass Sie auf wissenschaftliche Literatur verweisen. Und es ist auch klar, dass es ein sehr neuartiger Ansatz ist, Gesundheit und Langlebigkeit zu verstehen. Ist es daher fair, zu erwarten, dass jedes einzelne Detail der Beweise sich auf Menschen bezieht oder übertragbar ist?

Ist es möglich, in einem frühen Stadium, Ergebnisse von menschlichen Studien, vorliegen zu haben, wie Ihre Kritiker meinen, wie Sie es hätten darstellen sollen? Wie gehen Sie damit um?

Gundry: Nun ja, als klinischer Forscher und als epidemiologischer Forscher, wie ich es bin, ist man davon abhängig, dass tierische Studien eine Grundlage liefern, die uns zeigen, was wir bei Menschen tun sollen. Ich bin mir sicher, dass es niemanden gibt, der tierische Studien nicht nützlich findet, um uns zu zeigen was wir erwarten können. 

Vor kurzem, hat einer meiner Kritiker, wie ich erwartet habe, mein neues Buch kritisiert. In meiner Einleitung beschreibe ich, dass manche meiner Erkenntnisse darauf basieren, was mit C.Elegans Würmern passiert. Und er hat daraufhin hinterfragt, wie es denn mit Menschen zusammenhängen würde. Nun: Jede Erkenntnis, die in C.Elegans-Würmen gefunden wurde – und C.Elegans-Würmer werden schon immer als Forschungsmodell für Langlebigkeit benutzt –  wurde in größeren Tieren, wie Menschenaffen und Rhesusaffen, bestätigt. Und alles, was in C.Elegans-Würmern gefunden wurde, wurde später in großen Säugetieren bestätigt. Niemand, der Langlebigkeit studiert, stellt in Frage, dass C.Elegans-Würmer eigentlich die perfekten Versuchsobjekte sind. Dieser kleine Wurm lebt nämlich nur ein paar Wochen, weshalb man viele Veränderungen an Ihnen vornehmen kann und sehr schnell sehen kann, was sie bewirkt haben. 

Wichtig dabei ist, dass dieser Wurm und später auch große Säugetiere, gezeigt haben, dass unser Schicksal mit der Verbindung von Darmschleimhaut und Darmbakterien – der C.Elegans-Wurm hat beides – zusammenhängt. Es gibt ein stetes Hin und Her, ein buchstäblicher Kampf an der Darmschleimhaut. Und unsere Bakterien können die Darmschleimhaut stärken, oder sie können Sie durchlässig machen. 

Forschungen haben gezeigt, dass in dem Maße wie die Darmwand geschwächt und durchlässig wird, die Alterung und letztlich der Tod des Wurms herannaht. Und jetzt, in neueren Studien, können wir tatsächlich sehen, dass der exakt gleiche Prozess dessen, was zwischen unserem Mikrobiom und der Darmwand passiert, darüber entscheidet, ob, Entzündungen entstehen. Man spricht dabei von entzündlichem Altern (Inflageing). Das Stärken dieser Wand und das Kultivieren der richtigen Bakterien, die die Wand stärken, sollte in unserem Fokus liegen, wenn wir eine lange und gesunde Lebensdauer haben wollen. 

Noch einmal: Ich habe dieses Modell der C.Elegans-Würmer nicht erfunden, aber es passt einfach perfekt und alles, was mit diesem kleinen, süßen Wurm passiert ist, wurde mit Säugetieren wiederholt.

VB: Ich habe vor kurzem Professor Bullmore von der Cambridge Universität, interviewt, der Depression erforscht. Dort gab es ein ähnliches Problem, nämlich dass aus ethischen Gründen, viele Studien nicht vollzogen wurden, die notwenig gewesen wären, um zu beweisen, dass Entzündungen in Menschen wirklich sehr, sehr wichtig sind und vielleicht sogar eine Rolle in Depressionen spielen. Auch dort gibt es einen Zusammenhang mit dem Darm, die sogenannte Blut-Hirn-Schranke. Und diese Studien konnten, aus ethischen Gründen, nicht an Menschen durchgeführt werden konnten. Es ist ethisch nicht vertretbar, in Menschen, die gesund sind, eine Entzündung hervorzurufen. Deshalb muss man sich auf tierische Studien stützen.

Gundry: Sehr richtig. Weitere menschliche Studien haben stetig gezeigt, dass die Darm-Gehirn Verbindung nicht nur existiert, sondern noch viel weitreichender ist, als bisher angenommen. Hippokrates, der Vater der Medizin, hat vor 2500 Jahren gesagt, dass alle Krankheiten im Darm ihren Ursprung haben. Und wir erlangen erst jetzt die wissenschaftlichen Mittel, um zu erkennen, dass er Recht hatte. Deshalb müssen wir darauf vertrauen und diese tierischen Versuche so viel wie möglich zu benutzen. Gleichzeitig müssen wir uns erfolgreiche, menschliche Alterungen ansehen und uns fragen, was wir von diesen alten Menschen lernen können. Was können wir über ihren Darm sagen? Was können wir an ihren Gewohnheiten, Aktivitäten und Verhalten als Wegweiser nutzen? Und genau das ist es, was ich versuche.

VB: Absolut, in Böses Gemüse reden Sie über die Lektine, als Pflanzenabwehrmechanismen, und ihre Rolle in alledem. Lektine spielen in der Langlebigkeit eine Rolle, weil sie das Mikrobiom massiv stören und das auch tun. Sie sagen allerdings auch, dass fast alle Pflanzen Lektine haben und dass es um die Anpassung oder das Zusammenleben, von uns und Pflanzen, beziehungsweise ihren Lektinen, geht. Sie können unsere Gesundheit entweder fördern, damit meine ich die Lebensmittel, an die wir uns gewöhnt haben, oder schädigen. Dabei rede ich von neuartigem Essen, neuartig nicht im Sinne von kürzlich, sondern dass 10.000 Jahre in der Evolution kurz sind, und die Gewöhnung unseres Mikrobioms an unser Essen. 

Gundry: Lassen Sie es mich an einem Beispiel zeigen, dass vor Kurzem entdeckt wurde: Japaner, die wirklich viel Seegras essen, sind die einzigen Menschen, in denen Mikroorganismen oder Bakterien, nachgewiesen wurden, die dazu in der Lage sind, Lektine aus Algen zu verdauen. Und man glaubt, dass es daran liegt, dass Japaner wahrscheinlich schon seit Hunderttausenden von Jahren Algen essen. 

Sie essen also schon lange eine große Menge von Algen, weshalb sie Bakterien aufgenommen haben, die Algen verarbeiten, so die Theorie. 

Wie ich im Bösen Gemüse schreibe, weiß man, dass es Bakterien gibt, die tatsächlichen Gluten, ein Lektin, verdauen können. Aber Japaner sind die einzigen Menschen, die Mikroorganismen haben, die zu Verdauung von Algen-Lektinen fähig sind. 

Und das sind aktuelle Erkenntnisse, die zeigen, dass man Mikroorganismen aufnehmen muss, die in der Lage sind neuartige Lektine, die in Pflanzen enthalten sind, zu verdauen. Der Artikel, auf den ich mich dabei beziehe, wurde von meiner Alma mater, der medizinischen Universität von Georgia, veröffentlicht. Sie haben herausgefunden, dass die Lektine in Algen die Betazellen der Bauchspeicheldrüse angreifen und Diabetes verursachen. Da hat man eine neuartige Erkenntnis, die zeigt, dass wir nicht die Mikroorganismen haben, ein neuartiges Essen – Seegras ist eine neuartige Erweiterung unserer Ernährung – zu verarbeiten. Bis Sushi in den westlichen Ländern etabliert wurde, wäre niemand von uns auf die Idee gekommen, Algen zu essen, aber heute ist es nicht besonderes.

VB: Richtig. Und das ist eine Erklärung oder zumindest ein ähnlicher Gedankenweg, der zeigt, dass bestimme Ernährungen, wie die mediterrane Ernährung, zu einem langen und gesunden Leben beitragen, obwohl einige ihrer Bestandteile nicht allzu gut für uns sind, sondern durch andere Bestandteile ausgeglichen werden, die in dieser Kultur verzehrt werden.

Gundry: Das ist richtig und genau der Punkt, den ich auch in der Vergangenheit schon recht häufig gemacht habe, wenn man sich die mediterrane Ernährung anguckt und die Menschen betrachtet, die dort leben. Denn zwei der Blauen Zonen sind im Gebiet der mediterranen Diät und ich glaube eine dritte Zone, die ich in dem Buch beschreibe, die Stadt Acciaroli, südlich von Neapel, sollte auch eine Blaue Zone sein. Dan Buettner wusste noch nichts von der Stadt, als er sein Buch schrieb. Aber diese Leite haben eine deutlich, langes Leben, also betrachten wir wir ihre Nahrung. Leute sagen, dass Sie eine Menge Getreide und Bohnen essen. Der springende Punkt ist allerdings, dass das erstens nicht wahr ist. Die Menschen in Acciaroli essen kein Getreide, sie essen kein Brot und keine Nudeln. Sie essen allerdings Linsen, die auf eine traditionelle Weise einweichen sind, sodass die Lektine beseitigt werden und sie konsumieren eine Menge Olivenöl. Außerdem trinken Sie eine Menge Wein, insbesondere roten Wein und sie essen kleine Fische, Sardellen. Sie konsumieren außerdem eine Menge Essig, zum Beispiel Balsamico-Essig. Staffan Lindeberg bringt in seinem Standardwerk das Argument, dass Getreide in der mediterranen Ernährung eigentlich ein negativer Faktor sind, der durch alle anderen positiven Bestandteile, wie zum Beispiel einen Liter Olivenöl pro Woche, kompensiert wird. 

Wir übersehen außerdem, dass es einen Ausgleich gibt. Wie ich im Paradox des Langen Lebens zeige, haben Italiener ein ziemlich hohes Auftreten von Arthrose, das ich von einer verglichen hohen Aufnahme von Getreide herleite. Die Sarden haben die höchste Anzahl von Autoimmunerkrankungen in ganz Europa und sie essen bis zu zehn Stücken Brot am Tag. Ich habe darauf verwiesen und Staffan Lindeberg hat darauf verwiesen, dass das einen Einfluss darauf hat, warum sie so viele Autoimmunerkrankungen haben. Aber meine Kritiker, naja … 

VB: Ja, naja. Wenn wir über die mediterrane Ernährung sprechen und Sie haben schon das Olivenöl angesprochen, dann ist das vielleicht ein guter Zeitpunkt, um ein oder zwei Punkte anzusprechen, die Sie in ihrem Buch betonen. Denn da wird verdeutlicht, wenn ich Sie richtig verstanden habe, warum das Olivenöl so wichtig ist. Und zwar nicht wegen der Art von Fett, aus denen es besteht, sondern werden der Bestandteile, die mit dem Olivenöl einhergehen. Können Sie darauf vielleicht ein bisschen näher eingehen?

Gundry: Ja, das ist korrekt. In der Vergangenheit hatte ich schon das Vergnügen mit dem italienischen Minister, der für Olivenöl zuständig ist, zu reden. Und er hat richtigerweise betont, dass Oleinsäure, der Hauptbestandteil von Olivenöl und übrigens auch Avocadoöl, nichts besonderes ist. Es ist ein einfachgesättigtes Fett, dass nicht sonderlich gut ist, aber auch nicht sonderlich schlecht, aber es ist ein Träger von Bestandteilen, die Polyphenole heißen. Und die Polyphenole in Olivenöl haben einzigartige Merkmale. Es gibt eine sehr bekannte Studie aus Spanien, die PREDIMED heißt, in der Teilnehmer im Alter von 65 Jahren in drei Gruppen aufgeteilt wurde. Der Sinn der Studie war es, das Gedächtnis zu untersuchen. Sie alle haben sich von der mediterranen Diät ernährt, es war ja Spanien. Die erste Gruppe musste einen Liter Olivenöl pro Woche konsumieren. Sie mussten wirklich ihren leeren Kanister zu der Klinik bringen und ihn einmal in der Woche nachfüllen lassen. Das ist eine Menge Olivenöl, auch wenn zwei Blaue Zonen einen Liter Olivenöl verbrauchen. Die zweite Gruppe musste die gleiche Menge an Kalorien in Nüssen essen, Walnüsse um genau zu sein. Die dritte Gruppe hat sich von einer fettarmen mediterranen Diät ernährt und alle drei Gruppen wurden im Nachhinein vergleichen. 

Kurz gesagt, nach fünf Jahren hatten sowohl die Olivenölgruppe, als auch die Nussgruppe ein verbessertes Gedächtnis. Und das, obwohl das Gedächtnis im Alter zwischen 65 und 70 in der Regel abbaut. Die fettarme Gruppe, wie erwartet, hat an Gedächtnis verloren. Also sowohl die Olivenöl- und Nussgruppe hatte ein verbessertes Gedächtnis. Was aber wirklich herausstach: die Leute mit Herzerkrankungen aus der Olivenölgruppe hatten eine 30 prozentigen Abnahme von neuen Vorfällen, Stents, Herzinfarkten und Schlaganfällen, im Vergleich mit der fettarmen Gruppe. Die Frauen in der Olivenölgruppe hatten eine 67 prozentigen Abnahme von Brustkrebs, verglichen mit beiden anderen Gruppen. 

Es gibt mittlerweile andere Studien, die zeigen, dass Polyphenole in Olivenöl sogar den Wachstumsfaktor BDNF, „vom Gehirn stammender neurotropher Faktor“, steigern. Wieso sollte man es also nicht als Vehikel nutzen, um diese Polyphenole aufzunehmen? 

Die aus meiner Sicht zweite bedeutende Nachricht in dieser Hinsicht hat die Cleveland Clinic vor Kurzem herausgefunden. Darüber habe ich schon im Bösen Gemüse geschrieben und ich schreibe darüber auch im Paradox des Langen Lebens. Die Bakterien in unserem Darm sind in der Lage, bestimmte tierische Proteine, ins Besondere Cholin und Carnitin, die in Fleisch und Eiern vorhanden sind, zu einem Stoff namens TMAO zu verarbeiten. Die Cleveland Clinic hat dies, meiner Meinung nach sehr gut gezeigt, dass TMAO offensichtlich der Oberfläche von Blutgefäßen schadet. Es ist ein Hauptrisikofaktor für Erkrankungen der Herzkranzgefäße oder Blutgefäße. Daraufhin haben sie gesagt: „Moment mal. In der mediterranen Diät essen die Leute aber Fisch, sie essen Fleisch und sie essen Hähnchen. Und trotzdem scheint es, dass die mediterrane Ernährung sie davor schützt Herzkrankheiten zu entwickeln, im Gegensatz zu anderer Kost. Woran liegt das?“

Sie haben herausgefunden, dass Bestandteile, also Polyphenole, in Olivenöl, Balsamico-Essig und rotem Wein die Enzyme dieser Bakterien lähmen, sodass sie Cholin und Carnitin nicht zu TMAO umwandeln können. Dabei handelt es sich um 3-3-1 Dimethyl-Butanol, wenn ich mich nicht irre. Jedenfalls gibt es drei Komponenten in der mediterranen Diät, die es den Menschen, die der Diät folgen und die Komponenten nutzen, ermöglichen ihr Fleisch zu essen und trotzdem gesund zu bleiben. Wir beginnen jetzt erst damit, zu verstehen, warum diese Bestandteile so einen großen Nutzen für uns haben.

VB: Die vielleicht wichtigste Schlussfolgerung, die ich aus ihren Büchern gezogen habe ist, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, was man isst, sondern darauf, was man nicht isst. Und es ist wichtig für uns, Dinge zu vermeiden, die Autoimmunerkrankungen hervorbringen, zum Beispiel Lektine, aber auch andere Faktoren, über die Sie auch in Ihren Büchern schreiben. 

Beim Lesen von Das Paradox des Langen Lebens habe ich diesbezüglich ein weiteres aha-Erlebnis gehabt: Sie deuten an, dass sogar die Erkrankung der Herzkranzgefäße mit einer Autoimmunreaktion verbunden sein könnte. Können Sie das bitte erläutern?

Gundry: Ja. In meiner Karriere habe ich hauptsächlich als Herzchirurg Transplantationen sowohl an Erwachsenen, als auch an Kleinkindern, ausgeführt. Dabei ist uns bald aufgefallen, dass die Arterien von transplantierten Kindern und sogar Neugeborenen angegriffen wurden und jenen von Erwachsenen ziemlich ähnlich waren, die an Diabetes oder verstopften Herzkranzgefäßen litten. Das hat mich sehr neugierig gemacht. Woran konnte das liegen?

Nun, es liegt daran, dass die Blutgefäße von einem Spender-Herzen, dass gerade transplantiert wurde und deswegen ein Fremdkörper ist, in Kontakt mit Blut des Empfängers kommt. Deshalb kommt es zu einer Reaktion des Immunsystems, den weißen Blutkörperchen, und dem Fremdgewebe. Es kommt also zu einer Abwehrreaktion, und wenn wir uns diese Erkrankung anschauen, macht das auch Sinn. Es macht aber keinen Sinn, dass wir genau den selben Abstossungs-Prozess in einem erwachsenen Diabetiker sehen.

Weitere Forschungen, darunter auch meine eigenen, haben gezeigt, dass tatsächlich die gleiche Art von Immunangriff auf unsere Blutgefäße stattfindet. 

Ich werde bei der Konferenz der American Heart Association in Boston ein Forschungspapier vorstellen, die gewichtige Argumente dafür enthält, dass bestimmte Lektine in unserer Ernährung einen Autoimmunangriff hervorrufen, der sich an den Blutgefäßen zeigt. Und wenn wir die Lektine aus unserer Ernährung entfernen, insbesondere Getreide und Nachtschattengewächse, kann man sehen, dass diese Autoimmunreaktionen nachlassen. 

Ein weiteres Beispiel: es gibt drei sehr gut aufgebaute Arbeiten, die zeigen, dass die Lektine in Erdnussöl, bei drei verschiedenen Affenarten, zu Erkrankungen der Herzkranzgefäße führen. Wenn man die Lektine aus ihrer Ernährung streicht und den Affen Erdnussöl ohne die Erdnusslektine gibt, entwickeln Sie diese Krankheit nicht. Meine Kritiker sagen an diesem Punkt, dass das aber nur in Affen passiert. Aber was soll man machen? Einen Versuch an Menschen, bei dem wir die Teilnehmer dazu zwingen, eine Gallone Erdnussöl am Tag zu trinken? Das kann es ja wohl nicht sein. 

Wir haben die meisten unserer Gene mit denen von Menschenaffen gemeinsam. Das sollte doch genügen, meine ich. 

VB: Absolut. Es ist faszinierend: nachdem wir das letzte Interview über das Böse Gemüse geführt hatten , traf ich eine junge Frau, die seit vielen Jahren an juveniler Polyarthritis gelitten hat. Und als sie von ihrem Arzt, der ihr Buch gelesen hatte, empfohlen bekam, Lektine aus ihrer Ernährung zu entfernen, sind alle ihre Entzündungswerte unter die Nachweisgrenze gesunken. Sie ist nun symptomfrei und hat eine Menge Gesundheit und Lebensqualität wiedererlangt. 

Was ich so faszinierend an ihrer Arbeit finde, ist dass Sie auf eine Menge Erfahrung aus der medizinischen Praxis und von wissenschaftlicher Expertise gestützt argumentieren, aber trotzdem alles im einer Sprache verpacken, die für Laien ganz leicht verständlich ist. Jeder kann sich deshalb ganz einfach selbst überlegen, ob er oder sie Ihren Empfehlungen folgen möchte. 

Dr. Gundry, Sie haben weitere Verpflichtungen, aber eine letzte Frage würde ich Ihnen gerne noch stellen: Es gibt weitere Faktoren für Langlebigkeit, die Sie in ihrem Buch besprechen, die  darüber hinausgehen, was wir essen und was sich in unserer Umwelt abspielt. Zum Beispiel Bewegung, gegen die Schwerkraft zu arbeiten. Wollen sie Ihre Gedanken dahinter ein bisschen näher erläutern?

Gundry: Also ich glaube, dass Sport definitiv eine wichtige Rolle bei gesunder Langlebigkeit spielt. Ein wirklich interessantes Detail der Blauen Zonen ist, dass all diese Bevölkerungen in bergigen Gebieten liegen. Und all diese Gemeinen verbringen die meiste Zeit ihres Lebens damit hoch und runter zu laufen, also gegen die Schwerkraft. In meinem Buch berichte ich, dass meine Urgroßmutter, die einen Monat vor ihrem 100. Geburtstag gestorben ist, in einem dreigeschossigen Haus gewohnt hat, dass sie und ihr Mann gebaut haben. Ihr Schlafzimmer befand sich im dritten Stock und sie ist bis zu Ihrem Tod die Treppen mehrmals täglich rauf und runter gelaufen. Meine Schwester und ich konnten damals nicht verstehen, warum unsere Urgroßmutter ihr Schlafzimmer nicht einfach in das Erdgeschoss verlegt hat. Aber es stellte sich heraus, dass Treppensteigen gegen die Schwerkraft sie gesund am Leben gehalten hat. Außerdem trank sie stets ein kleines Glas Rotwein kurz vor dem Schlafengehen. Sie war also sehr klug. 

Ein interessante Studie an Frauen zeigt, dass Frauen häufiger an Alzheimer erkranken, als Männer, was viele Leute überrascht, da Männer eigentlich das schwächere Geschlecht sind. Aber Frauen bekommen tatsächlich häufiger Alzheimer. Frauen, die aber regelmäßig in ihrem Leben Sport treiben – und es muss nicht Kraft raubender Sport sein, es kann Gartenarbeit oder Arbeiten im Haushalt sein oder zweimal täglich mit dem Hund rausgehen – haben 90 Prozent weniger Alzheimer im Vergleich zu Frauen, die nicht regelmäßig Sport treiben. 

Selbst wenn sie trotzdem Alzheimer entwickeln, tritt es elf Jahre später auf. 

Stellen Sie sich vor, wir würden ein Medikament entwickeln, das eine 90% Erfolgsquote hätte, wie viel würden wir dafür bezahlen? Es wäre das meist verkaufteste Medikament aller Zeiten. Dabei wir haben dieses „Medikament“ zu unserer freien Verfügung. Also wenn ich Alzheimer bekommen würde mit 91 statt 80 Jahren, hätte ich doch noch ein ganzes Jahrzehnt voller Leben. Wenn ich mit 91 Alzheimer bekommen würde, würde ich es vielleicht nicht merken und es wäre nicht so schlimm. Aber wenn man die Dinge betrachtet, die Menschen mit 80 Jahren noch tun, dann nehme ich die 10 zusätzlichen Jahre. Alles was wir dafür tun müssen, ist eine Routine an Übungen zu entwickeln, die man genießt und die man macht. Ich habe eine kleines fünf Minuten Programm in das Buch geschrieben. 

Vor Sie in Deutschland, Sie haben diesen natürlichen Vorteil von Hügeln. Wann immer meine Frau und ich wandern gehen, egal ob es in Frankreich, Italien oder Portugal ist, trifft man immer deutsche Wanderer. Behaltet das bei!

VB: Das werden wir. Eine allerletzte Frage: Intervallfasten, oder Kalorienbegrenztes Essen oder das Konzept der Hormesis, was hat es damit auf sich?

Gundry: Ich glaube, je mehr wir uns mit den Effekten von Intervallfasten oder zeitbegrenztem Essen beschäftigen, sieht man, dass es eine unheimlich positive Auswirkung auf unsere Mitochondrien hat. Unsere energieerzeugende Organismen können dadurch von Glukose- auf Ketose-Stoffwechsel umstellen. Diese metabolische Flexibilität ist vielleicht der wahre Schlüssel für gesundes Altern. Wir haben die Fähigkeit, fast wie ein Hybridauto, von Kraftstoffbetrieb auf Batteriebetrieb umzuschalten. 

Aber die meisten Menschen fordern ihre Mitochondrien nicht heraus, die zweite andere Energiequelle zu benutzen, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der wir 365 Tage im Jahr ununterbrochenen Zugang zu Essen haben. Und das ist die Herausforderung. „Was uns nicht tötet, härtet uns.“ Alle großen Religionen haben irgendeine Art von Fasten und je mehr wir uns damit beschäftigen, stellt sich heraus, dass es nicht für religiöse Opfer geschaffen ist, sondern um die Gesundheit der Gläubigen zu erhalten.

VB: Dr. Gundry, haben Sie vielen Dank! Es war, erneut, ein faszinierendes Gespräch mit Ihnen. Ich könnte es noch weiter führen, aber Sie haben anderweitige Verpflichtungen. Wir freuen uns sehr über das Erscheinen Ihres Buches, Das Paradox des Langen Lebens, auf Deutsch und ich kann unserem Publikum versichern, dass es sich packend liest ist. Die Geschichten, die sie beschreiben, die Sie uns heute nicht erzählt haben, über die Verbindung zwischen Mitochondrien und den Bakterien in unserem Darm, ist faszinierend. Ich empfehle wärmstens, das Buch zu lesen. Es war mir eine Ehre, Sie erneut zu interviewen. Gibt es noch etwas, was Sie gerne mit dem Publikum teilen möchten?

Gundry: Ich bin überzeugt davon, dass es Menschen klar werden muss, dass ihr Schicksal in Ihrem Mund und in ihren Beinen liegt. Es geht um das Essen, welches man sich in den Mund schiebt, das gute Bakterien ernährt. Das macht den großen Unterschied in ihrer Gesundheit auf lange Sicht. Wir wollen alle ein langes und erfülltes Leben. Und wir wollen, dass wir Zeit unseres Lebens gesund bleiben. 

VB: Das waren tolle abschließende Gedanken. Vielen Dank, Dr. Gundry, und alles Gute für die Zukunft!

Veröffentlicht von

Uwe Alschner

Uwe Alschner, Dr. phil. M.A., Traumdoc, Big Five for Life® Coach, ist begeisterter Blogger und Coach. Die Beiträge drehen sich vorwiegend um die Themen Eigenverantwortung, Gesundheit und Persönlichkeitsentwicklung.

Ein Gedanke zu “»Wie man im reifen Alter jung stirbt«”

  1. Danke für diesen sehr informativen Beitrag – habe für mich aus dem Buch schon sehr viele wertvolle Informationen umgesetzt

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