Alzheimer: »Fokus auf die Ursachen legen, dann ist Verbesserung möglich«

Bredesen
Dr. Dale Bredesen, Alzheimer-Forscher und Professor für Neurologie an der UCLA

Das Interview mit Dr. Dale Bredesen über sein Buch The End of Alzheimer’s hat folgenden Wortlaut:

Vitalstoff.Blog: Guten Tag, guten Abend, Sir! Dr. Dale Bredesen! Ich bin sehr froh, Sie heute als Gast begrüßen zu können für diese Aufzeichnung für Vitalstoff-blog.de in Deutschland. Unser Publikum weiß, dass es hier jede Menge Informationen rund um ganzheitliche Gesundheit gibt. 

Ich bin sehr dankbar, dass wir heute über Ihr faszinierendes Buch reden können. Der Titel des Buches lautet »The End of Alzheimer’s« und in Deutschland wird es im kommenden Mai erscheinen. Doch wir haben das Glück, heute bereits mit Ihnen über das Buch sprechen zu können. Ein sehr herzliches Willkommen an Sie, Dr. Dale Bredesen!

Dale Bredesen: Vielen Dank, Uwe, dass wir miteinander reden!

VB: Sehr geehrter Dr. Bredesen, vielleicht ist es sinnvoll, dass Sie einmal den Hintergrund erläutern, wie es zu diesem Buch gekommen ist.
Sie beschäftigen sich bereits seit Anbeginn Ihrer beruflichen Karriere mit Neurologie. Haben wir das richtig verstanden?

Dr. Bredesen: Ja, das stimmt. Ich habe einen klassisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund. Ich habe an den Universitäten Cal Tech und MIT gearbeitet, und habe mich dann nach dem Medizinstudium der Neurologie zugewendet. Mich haben die Grundlagen der Erkrankungen des Gehirns interessiert. Die Labors, in den ich geforscht habe, haben mehr als 220 Aufsätze dazu publiziert alle zum Thema Degeneration des Gehirns.

Die Frage, die wir in den vergangenen 30 Jahren versucht haben zu beantworten, lautete: ist es möglich, das Phänomen der Erkrankungen zu verstehen, die sich im Gehirn ergeben, also: Alzheimer Demenz, oder ALS, oder Huntington’s oder anderen Erkrankungen. Und zwar so grundlegend, dass es uns gelingen würde, die erste wirksame Behandlung dieser Krankheiten zu entwickeln. Denn Sie wissen: Dies ist ganz sicher das Gebiet in der Medizin, in dem wir unsere größten Niederlagen haben hinnehmen müssen.

Es gibt Therapien für Krebs, die durchaus einige Erfolge verzeichnen konnten, Therapieansätze für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber für neuro-degenerative Erkrankungen gibt es das bisher nicht.
Also haben wir uns gefragt: Warum ist das so? Warum treten diese Dinge so häufig auf? Immerhin ist Alzheimer die dritthäufigste Todesursache in den USA
In Großbritannien ist Demenz die häufigste Todesursache. Die damit verbundenen Probleme sind weltumspannend und verursachen Schäden von vielen Milliarden Dollar! Die Frage war also: was haben wir übersehen? Was ist uns entgangen auf der Suche nach Behandlungsmöglichkeiten?

Sie wissen sicher, dass es innerhalb von zehn Jahren insgesamt 244 klinische Studien gab, die sich mit Alzheimer’s befasst haben. 243 davon sind komplett gescheitert. Und die eine „erfolgreiche Studie“ konnte nur einen sehr bescheidenen Erfolg reklamieren.

Die Arbeit hat in den vergangenen Jahren einen Höhepunkt erfahren, indem wir nun zu den Patienten zurückkehren, nach Jahren der Arbeit an Zellkulturen und genetisch veränderten Mäusen, und Fruchtfliegen.
Und der Höhepunkt besteht darin, dass wir erstmals Verbesserungen bei Alzheimer-Patienten sehen können.

Im Jahr 2014 haben wir dazu den ersten wissenschaftlichen Aufsatz publiziert, in dem wir die ersten Beispiele einer Umkehr des kognitiven Verfallsprozesses beschrieben haben. Darin erkannten wir einen ganz neuen Ansatz von Medizin, der Sie ja ebenfalls sehr interessiert. Das hat uns gezeigt, dass der Ansatz, den wir bis dahin verfolgt hatten, in die Irre führte. Wir hatten versucht, eine Krankheit zu behandeln,  die wir aber nicht verstanden hatten.

VB: Ja, Sie haben völlig recht: diese Medizin fasziniert mich, aber speziell hat mich fasziniert, was ich in Ihrem Buch „The End of Alzheimer’s“ gelesen habe. Dort habe ich gelernt – soweit ich das korrekt verstanden habe, dass es sich bei Alzheimer weniger um eine Krankheit handelt, als um eine Reaktion, die unser Körper, unser Immunsystem entwickelt hat, um bestimmte Angriffe abzuwehren. Könnten Sie bitte für uns noch einmal wiederholen, wie Sie diese Erkrankung verstehen?

Dr. Bredesen: Genau! Wie Sie wissen, haben wir auf das komplexe Wesen „Mensch“ und seine Erkankungen mit einem sehr engen Blick auf nur sehr wenige Parameter geschaut. Ich bezeichne es als eine „Komplexitätsklippe“. Wenn Sie [im Autopilot] einen Computer ein Flugzeug steuern lassen, dann passen Sie die Komplexität des Programms der Komplexität der Aufgabe an.

Aber wenn die Medizin einen Patienten untersucht, werden Parameter wie Natrium im Blutserum, oder Kalium im Serum erhoben, und dann wird den Patienten gesagt: „Sie haben eine Krankheit, die wir Alzheimer nennen, aber die wir nicht verstehen, und bei der wir auch nicht viele andere Parameter untersuchen, aber wir verschreiben Ihnen ein Medikament, das nicht wirkt, und sie werden sterben.“
Eine ganz fürchterliche Situation!

Wenn Sie aber statt dessen die Perspektive erweitern und auf sehr viel mehr einzelne Parameter schauen, dann werden sie etwas sehr erstaunliches feststellen:
Sie stellen fest, dass dieser Zustand, den wir „Alzheimer’sche Krankheit“ nennen, tatsächlich – wie Sie gesagt haben – eine Schutzreaktion ist auf mehrere unterschiedliche Angriffe auf das Gehirn.

Es überrascht auch nicht, dass es Unterformen der Erkrankung gibt, die bis dato nicht unterschieden wurden und zwar je nachdem, auf welchen Ansatz Patienten positiv reagieren. Das bedeutet, wenn man Alzheimer erfolgreich behandeln will, oder der Entstehung vorbeugen, muss man auf alle unterschiedlichen Faktoren schauen, die die Erkrankung auslösen. Wir haben ursprünglich 36 solcher „Treiber“ identifiziert, wissen heute, dass es einige wenige mehr sind, aber es sind nicht sehr viele. Es kommt auf ein paar Dutzend Parameter an. Und sie erklären sowohl die epidemiologische Seite, als auch die Biochemie und Genetik dieser Krankheit.

Wenn Sie beispielsweise unter Chronischer Entzündung leiden, dann kann das seine Ursache darin haben, dass ihre Darmschleimhaut durchlässig ist [Leaky Gut], oder dass Sie sich falsch ernähren, etwa mit Transfetten, oder weil sie dauerhaft Schimmelpilz ausgesetzt sind oder bakteriellen Spirochäten [bspw. Borrelien] oder Bakterien im Mundraum, oder chronische virale Infektionen, dann reagiert ihr Immunsystem darauf unter anderem mit der Produktion von Amyloid.

Amyloid ist ein Antimikrobium, wie Dr. Robert Moir und Dr. Rudy Tanzi an der Harvard Universität gezeigt haben. Es ist eine Abwehrreaktion.

Ich benutze oft den Vergleich zu Napalm. Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Staat, dessen Territorium angegriffen wird, dann ist es ihr Ziel, den Angreifer zu vernichten, was Sie nur erreichen, indem Sie verbrannte Erde hinterlassen und damit ihre Nutzfläche reduzieren. Sie ziehen Ihre Einheiten zurück, weil sie überleben wollen, und beschliessen, eine Substanz zu verwenden, welche die Invasoren auf Distanz hält und bestenfalls vernichtet.

Das geht nur um den Preis der Aufgabe von Teilen Ihres Landes. Genau das vollzieht sich im Gehirn eines Alzheimer-Patienten. Sie bringen eine Substanz aus, die das neuronale Netzwerk verkleinert. Interessanter Weise benutzt das Gehirn einen ähnlichen Ansatz auch, wenn der gegenteilige Fall eintritt: also wenn nicht ausreichende Versorgung mit Nährstoffen gegeben ist. Nervenwachstumsfaktor, BDNF, Östradiol, Testosteron, Vitamin D und dergleichen. Also: wenn zuwenig vorhanden ist, was das „Staatsvolk“ ernährt.

Was ist dann zu tun: Schrumpfen! Und das Schrumpfen vollzieht sich, indem erneut das Amyloid ausgebracht wird, Substanz aufgegeben wird und im Kern ein Anpassungsprozess an die schlechteren Bedingungen abläuft. Wir nennen dies „Typ Zwei Alzheimer“, „Typ Eins“ ist der entzündliche Verlauf und dieser Atrophische Verlauf ist „Typ Zwei Alzheimer.“ Und „Typ Drei“ liegt vor bei einer chronischen Vergiftung mit verschiedenen Toxinen. Dabei kann es sich um zweiwertige Metalle wie Quecksilber, Kupfer oder Eisen handeln die, ganz nebenbei, von Amyloid sehr fest gebunden werden, auch dabei wird es als Schutzmechanismus eingesetzt.
Es sind aber auch oft Bio-Toxine.Wir sehen Patienten, die bestimmten Mykotoxinen ausgesetzt sind, etwa von Schimmel, wie beispielsweise StachybotrysPenicillium oder Aspergillus. Auch dabei wird Amyloid erzeugt, um diese Toxine zu binden.

In jedem der drei Szenarien ist das Resultat das, was wir Alzheimersche Krankheit nennen, doch die auslösenden Faktoren unterscheiden sich dramatisch! Deswegen muss man jeweils alle ursächlichen Faktoren erkennen und die Behandlung entsprechend ausrichten.

VB: Verstehe. Wie ich in diesem Zusammenhang in Ihrem Buch gelesen habe, ist das Gehirn – Sie schildern das im Buch anhand von Patientenerfahrungen – das Gehirn reagiert also einerseits, um sich zu schützen, doch als Organ ist das Gehirn offensichtlich in der Lage, eine Balance zwischen Aufbau und Pflege von Gehirnsubstanz einerseits, und Abbau dieser Substanz andererseits zu halten. Als Teil seiner gesunden organischen Funktion gewissermaßen.
Neuverschaltung von Synapsen ist also nicht nur möglich, sondern gar ganz normal.
Es ähnelt insofern also anderen Prozessen, beispielsweise dem Knochenbau, wo es, wie Sie schreiben, die Balance zwischen osteoblastischer und osteoklastischer Aktivität gibt. In gleicher Weise gibt es, wie Sie schreiben, synaptoblastische und synaptoklastische Aktivität. Können Sie uns helfen zu verstehen, was in einem gesunden Gehirn passiert im Unterschied zu einem erkrankten Gehirn?

Dr. Bredesen: Ja, das ist ein guter Hinweis. Schauen Sie etwa die Arbeit von Prof. Mike Merzenich an, der 2017 für seine Forschung zur Neuroplastizität mit dem Kavli-Preis geehrt wurde, er hat gezeigt, dass das Gehirn in einem ständigen Prozess der Erneuerung aktiv ist, um seine eigene Neuroplastizität anhand von Feedback zu optimieren.

Unsere Forschung hat gezeigt, dass APP, das Amyloid-Vorläuferprotein, welches eine zentrale Rolle in der Alzheimer Erkrankung spielt, sich sprichwörtlich wie ein molekularer Schalter verhält:
Es kann an 3 Stellen getrennt werden, um so 4 Peptide zu erzeugen, die alle im Abbauprozess des Gehirns beteiligt sind, die für Verlust von Synapsen und Reorganisation sorgen. Das ist die synaptoklastische Seite.
Andererseits ist das selbe Ursprungsmolekül, APP, auch an nur einer einzelnen Stelle trennbar, Alpha-Schnittpunkt genannt, und erzeugt dann zwei Peptide, sAPP-alpha und alpha-CTF, die das Neuriten-Wachstum fördern, Unterstützung der Synapsen leisten.Diese werden als synaptoblastisch definiert.

In jungen Jahren haben Sie eine schöne Balance zwischen dem synaptoblastischen und dem synaptoklastischen Geschehen. Sie vergessen aktiv, welches das siebte Lied war, das sie gestern auf dem Weg zur Arbeit gehört haben, dafür erinnern Sie aktiv die wichtigsten Dinge, z.B. wo Sie ihre Schlüssel abgelegt haben und was Sie später am Tag noch unternehmen wollen.

Menschen mit kognitiver Degeneration, oder mit dem Risiko dafür, haben diese Balance verloren, so dass die synaptoklastische Seite die synaptoblastische dauerhaft überwiegt. Das kann man sogar messen. Es lässt sich ablesen an der Existenz von Amyloid beta, von CTF beta, von sAPP beta, also an jenen Teilfaktoren, die an dem Rückbau beteiligt sind. Es ist also diese sehr schöne, dynamische Interaktion, die aus dem Gleichgewicht gerät.

Wenn wir Patienten behandeln, egal ob präventiv oder zur Wiederherstellung, ist natürlich unser Ziel, die synaptoklastische Aktivität zu dämpfen und die synaptoblastische Aktivität zu steigern.
Dabei betrachten wir, wie gesagt, mehrere Dutzend treibende Faktoren. Wenn Sie beispielsweise ein erhöhtes hs-CRP [hochsensitives C-reaktives Protein] aufweisen, was mit chronischer Entzündung in Zusammenhang steht, dann ist ihre Balance zur falschen Seite gekippt. Ebenso, wenn Sie einen niedrigen Wert für Vitamin D haben, ist die Balance gestört. Und so weiter…

Gegenwärtig betrachten wir 150 verschiedene Parameter – und das ist kennzeichnend für die Präzisionsmedizin, die ich als „Medizin der Zukunft“ bezeichne. Sie hat den Fokus auf die wesentlichen Treiber, anstatt [symptomatisch] blind zu behandeln.

VB: Ich bin dankbar, dass Sie hierauf zurückkommen, was Sie vor einigen Momenten bereits angesprochen hatten, als Sie die Komplexitäts-Klippe erwähnten. Im Hinblick auf die Vielzahl von Faktoren, die zu dieser Erkrankung beitragen. Ganz allgemein fällt auf:
Gesundheit ist ein extrem komplexer Zustand, das sollten wir nicht vergessen. Wir können uns anstrengen und gut aufpassen, die relevanten Faktoren zu identifizieren, ohne je in jenem engen, binären wenn/dann-Ansatz Beweise zu erhalten, den die Medizin bisher zum Beweisstandard erhoben hat.
Diese Komplexitäts-Klippe, dieser Widerspruch von Evidenznachweis und Zusammenhang, ist im Begriff, sich aufzulösen. Kann man das so sagen?

Dr. Bredesen: Ja! Sie wissen ja, historisch haben wir es mit Krankheiten zu tun gehabt, die einfach und akut gewesen sind. Etwa die Lungenentzündung durch Pneumokokken, oder Tuberkulose und ähnliches. Die haben wir ganz simpel [mit Penicillin] behandelt. Der Erfolg der Medizin des 20. Jahrhunderts beruhte natürlich auf einer Kombination aus aus Antibiotika und Maßnahmen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge, um die Zahl der Opfer zu senken, die an solchen Infektionskrankheiten starben.

Leider haben wir lange versucht, die gleiche Strategie – ein Einzelmedikament, oder eine einfache Kombination von wenigen Wirkstoffen – für komplexe Krankheitsbilder, wie Krebs, Alzheimer oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen anzuwenden. Es handelt es sich hier aber um Erkrankungen ganz anderer, fundamental unterschiedlicher Art. Es sind komplexe, chronische Erkrankungen!

Deswegen muss auch der strategische Ansatz anders aussehen, so wie auch die Strategie beim Schach je nach Situation auf dem Brett anders zu wählen ist. Am Anfang steht der Blick auf alle Faktoren, die bei der Entstehung beteiligt sind. Die Mehrzahl der Menschen wird mehrere dieser Treiber aufweisen.

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Für ein neues Verständnis von medizinischer Evidenz plädiert Dr. Dale Bredesen angesichts komplexer, multifaktorieller Erkrankungen wie Alzheimer oder Krebs

Niemand kann bestreiten, dass wir – die westliche Medizin – uns mit der Behandlung von komplexen Erkrankungen schwer tun. Wir haben ja anfangs bereits darüber gesprochen, dass neurodegenerative Erkrankungen dies wohl am besten zeigen: Wir haben keine Behandlungsansätze, die effektiv gegen die Krankheit wirken. Und das liegt daran, dass wir bislang nicht verstanden haben, was die Krankheit auslöst!
Wenn wir dagegen den Blick weiten und uns die Mühe machen, diese Treiber zu identifizieren, dann können wir sowohl zur VORBEUGUNG als auch zur WIEDERHERSTELLUNG einen großen Beitrag leisten.

Sie haben es erwähnt: Besserung der Beschwerden ist im frühen Stadium natürlich einfacher, doch wir haben Patienten mit weit fortgeschrittenem Verlauf, die sich erheblich verbesserten! Sie haben kein völliges Verschwinden der Krankheit, doch funktionell betrachtet waren sie nicht in der Lage zu sprechen oder sich selbst anzukleiden, und können nun wieder sprechen, sich mit anderen verständigen und selbst ankleiden. Damit sind sie nicht vollständig wiederhergestellt, aber für ihr Leben macht es einen gewaltigen Unterschied.

VB: Auf jeden Fall! Das verstehen auch Laien wie ich. Wenn ich es also richtig sehe, dann liegt die eigentliche Neuigkeit, die Sie uns bringen, nicht nur darin, dass Alzheimer revidierbar ist, wenn man versteht, was passiert, sondern dass es tatsächlich möglich ist, Alzheimer gar nicht erst entstehen zu lassen. Und zwar ziemlich sicher zu verhindern, dass sich die Krankheit bildet.

Sie haben an anderer Stelle gesagt, Alzheimer sollte „eine sehr seltene Krankheit“ sein. Das ist nur möglich, wenn wir Vorbeugung betreiben, diese Risikofaktoren unter Kontrolle zu halten. Welches sind diese Faktoren, die wir in den Blick nehmen sollten? Was ist das, was Sie ReCODE-Protokoll nennen?

Dr. Bredesen: Stimmt! ReCODE steht für REversal of COgnitive DEcline [Umkehr kognitiver Degeneration]. Sie haben völlig Recht: Alzheimer sollte eine seltene Erkrankung sein! Es ist im Kern eine Erkrankung unserer Lebensweise, unseres Lifestyle. Auch der Fehler und falschen Annahmen, die wir über die vergangenen hundert Jahre begangen haben.

Wir raten, dass jeder Mensch ab einem Alter über 45 Jahren eine Kognoskopie [Betrachtung der kognitiven Funktionen und Bedingungen] machen lassen sollte. Jeder weiß, dass man über 50 Jahren regelmässig eine Darmspiegelung [Colonoskopie ]machen lassen sollte. In gleicher Weise ist es wichtig, eine Kognoskopie machen zu lassen, wenn Sie über 45 Jahre alt sind. Das ist auch viel einfacher als eine Darmspiegelung.

Alles was es brauch, sind ein paar Blutuntersuchungen – welche beschreibe ich genau in meinem Buch – Wieso? Weil Sie wissen wollen, welches Ihre persönlichen Risikofaktoren für Demenz sind. Um etwas dagegen zu tun, damit Sie nie dement werden!

Zweitens: ein einfacher Test Ihrer kognitiven Fähigkeiten, den Sie in 20 Minuten online machen können. Sie können auch einen MOCA-Test machen, die es kostenlos online gibt und die 12 Minuten dauern. Auch online. Das bringt Ihnen Klarheit über den Ist-Zustand. Viele Menschen werden schon leichte Beschwerden haben, aber nichts dagegen unternehmen, bis es schon weit fortgeschritten ist. Sie wollen wissen, wo Sie stehen!

Wenn diese Tests keine Symptome erkennen lassen, brauchen Sie den bildgebenden Teil nicht zu machen. Aber wenn Ihre Ergebnisse auffällig sind, sollten Sie ein MRT mit genauer Größenberechnung Ihrer Hirnregionen machen lassen. Es ist wichtig zu wissen, wie groß Ihr Hippocampus ist. Um zu sehen, wie Sie im Vergleich zu Ihrer Altersgruppe stehen.

In den Bluttests sollten einige wichtige genetische Daten erhoben werden, die sind nicht sehr teuer. Denn auch diese Risikosituation sollten Sie klären. Als ganz einfaches Beispiel sei erwähnt: der wichtigste genetische Risikofaktor für Alzheimer ist „Apo E4“. So bezeichnet man eine Funktionsform des Gens eines Proteins, dessen Aufgabe der Transport von Fett ist.

Die meisten Menschen haben den Status Apo E3/3 [also von Vater und Mutter die Variante E3] vererbt bekommen. Es gibt Apo E 2, 3 oder 4, und sie bekommen je einen Satz von Ihrer Mutter und von Ihrem Vater. Wenn Sie also keinen Satz Apo E4 vererbt bekamen, beträgt Ihr Alzheimer-Risiko etwa neun Prozent. Haben Sie einen Satz Apo E4, beträgt Ihr Risiko, irgendwann an Alzheimer zu erkranken, etwa 30 Prozent. Wenn beide Kopien das Funktionsmerkmal Apo E4 aufweisen, liegt dieses Risiko deutlich über 50 Prozent. Also sehr wahrscheinlich, dass Sie im Laufe Ihres Lebens an Alzheimer erkranken werden.

Bisher hat man Ihnen geraten, diesen Test auf Apo E4 gar nicht machen zu lassen, weil man nichts tun könne. Dieser Rat ist absolut falsch! Im Gegenteil: Es gibt eine wundervolle Webseite, www.apoe4.info.
Dort sind mehr als 3000 Menschen verbunden, die alle Apo E4 positiv sind, und die sich darüber austauschen. Sie befolgen alle das RECODE-Programm. In unterschiedlichen Ausprägungen befolgen alle die darin enthaltenen Hinweise und Ansätze. Um die Krankheit gar nicht entstehen zu lassen. Und sie sind damit ziemlich erfolgreich.

Ich rate allen: handhaben Sie es so, dass Ihre Riskofaktoren so niedrig sind wie möglich. Für Praktiker und Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist das nicht überraschend: Sie haben solche Programme seit vielen Jahrzehnten. In der Vergangenheit hat nur niemand diesen Weg für kognitiven Verfall aufgezeigt. Nun gibt es sehr erfolgreiche Ansätze, Demenz auf diese Weise vorzubeugen oder zu behandeln.

VB: Vielen Dank! Ich möchte hier etwas Entwicklungsgeschichte in diese Unterhaltung einbringen:
Sie haben Apo E4 erwähnt. Wenn ich Ihr Buch richtig gelesen habe, dann ist diese genetische Komponente – also während wir den Faktoren, die lebensstilbedingt sind, recht einfach begegnen können, werden wir mit der genetischen Ausprägung geboren und müssen damit leben und fertig werden. Doch die Tatsache, dass diese genetische Komponente überhaupt existiert und damit auch, dass Alzheimer existiert, [war wohl] eine Grundvoraussetzung, dass sich die Menschheit überhaupt entwickeln konnte.

Ich beziehe mich damit auf jene entzündungsfördernde Eigenschaft, die diese Genmutation überhaupt erst mit sich gebracht hat. Können Sie das etwas erläutern?

Dr. Bredesen: Ein guter Hinweis! Diese Theorie wurde von Professor Caleb „Tuck“ Finch an der University of Southern California entwickelt. Er hat herausgearbeitet, was notwendig war, dass wir Hominiden von den Bäumen herabsteigen konnten.
Wenn Sie sich die genetischen Unterschiede zwischen Schimpansen und Menschen ansehen, sind das nicht all zu viele! Ich habe einmal meiner Frau erzählt, „meine DNS ist der eines männlichen Schimpansen ähnlicher als deiner!“ Worauf Sie nur antwortete: „Na und? Das ist doch offensichtlich!“

Also. Es gibt nicht viele Unterschiede. Und Sie haben es erwähnt: Viele dieser Änderungen sind solche, die Entzündungen fördern. Und ganz bedeutsam ist die Mutation zu Apo E4! Und das war das urzeitliche Apo E der Hominiden.

Wie Professor Finch beschrieben hat: was ist da passiert? Man klettert hinab von den Bäumen, man tritt in Exkremente, man kämpft mit Artgenossen, isst rohes Fleisch, in all solchen Situationen ist die Überlebenschance größer, wenn der Körper leicht Entzündungen bildet.

Für die Evolution war das hervorragend! Und es deutet auf das, was Sie vorhin angesprochen haben: Was müssen wir tun, damit wir diese Erkrankung nicht entwickeln?

Dazu müssen Sie sich nur die Unterarten von Alzheimer ansehen, und die Antwort liegt vor Ihnen: Alles vermeiden, was chronische Entzündungen erzeugt! Also lassen Sie feststellen, ob Sie ein oder zwei Apo E4 Gene haben, und lassen Sie Ihren hs-CRP-Wert messen. Das ist ganz einfach und sagt Ihnen sofort, ob sie eine systemische Entzündung im Körper tragen. Lassen Sie untersuchen, ob Sie Borreliose-Viren im Körper haben, oder Mykotoxine, oder [andere] Dinge die möglicherweise chronische Entzündungen entstehen lassen. Und wahrscheinlich ganz entscheidend: Lassen Sie feststellen, ob Ihre Darmschleimhaut durchlässig geworden ist [Leaky Gut]! Denn das ist sehr wichtig und eine häufige Ursache.

Wenn Sie ein metabolisches Syndrom haben, werden Sie einen hohen hs-CRP-Wert haben, chronische Entzündung und ein erhöhtes Alzheimer-Risiko!

Lassen Sie als nächstes Ihren Nährstoff-Status überprüfen: Wie sieht Ihr Hormon-Profil aus? Ihr Östradiol, Ihr Pregnenolon, Ihre Schilddrüsenhormone? Und natürlich Vitamin D. Es wird Vitamin genannt, aber es ist eigentlich ein Hormon wie die anderen auch. Alle diese Dinge, Testosteron auch. Das ist alles sehr wichtig zu wissen!

Dann gibt es den Alzheimer „Typ 1.5“ Wie hoch ist Ihr Nüchtern-Insulin? Insulinresistenz ist einer der wichtigsten Treiber für diesen Alzheimer-Typ. Dabei ist es sehr leicht zu kontrollieren. Man kann den Stoffwechsel entsprechend beeinflussen durch Ernährung, Bewegung, Stressmanagement, Schlaf und Erholung. Das ist vergleichsweise sehr einfach zu regeln. Auch Berberin kann man sehr einfach einsetzen. Man kann sich also recht gut darauf einstellen. Niemand sollte unter Insulinresistenz leiden. Weil damit das Alzheimer Risiko erheblich steigt!
Das war also, was wir »Typ 1.5« nennen, weil er sowohl Entzündungsfaktoren wie Nährstoffmangel aufweist.

Schließlich gibt es noch den »Alzheimer Typ 3«. Das ist der toxische Fall. Dabei sollten Sie wissen: Wie hoch ist Ihre Belastung mit Quecksilber? Wie ist das Verhältnis Kupfer/Zink bei Ihnen? Waren Sie bestimmten Bio-Toxinen ausgesetzt? Mit diesen Parametern wird es Ihnen möglich, und auch der großen Mehrheit der Bevölkerung, kognitiven Verfall/Demenz zu verhindern.

Es gibt mittlerweile mehr als 2000 Menschen, die dieses Konzept anwenden, und es vergeht kein Tag ohne ein neues Beispiel, wie jemand auf diese Weise Besserung erreicht hat. Es ist also inzwischen ein ziemlich regelmäßiger Prozess. Aktuell publizieren wir einen Fachartikel über weitere 50 Einzelfälle aus dem ReCODE-Protokoll.

Außerdem wird es eine klinische Studie geben! Sie haben das Thema angesprochen. Es ist keine Frage: wir müssen überdenken, wie wir solche klinischen Studien zukünftig führen wollen! Die alte Herangehensweise hat nur Studien mit einer einzelnen Variablen zugelassen. Neue Studien müssen mehrere Faktoren abbilden, weil die Erkrankungen ebenfalls multi-kausal entstehen.

VB: Sie selbst sind ja bereits einmal abgelehnt worden mit einem Antrag für eine solche komplexe Studie, zu Ihrem Ansatz, weil das Studiendesign als „zu kompliziert“ eingestuft wurde, stimmt das?

Dr. Bredesen: Ja. Im Jahr 2011 haben wir versucht, eine erste umfassende Studie zu Prä-Alzheimer durchzuführen. MCI ist der Begriff für „Mild Cognitive Impairment“ [Leichte kognitive Beeinträchtigung, LKB]. Wir haben diese Studie in Australien anmelden wollen und wurden abgelehnt, weil es zu kompliziert sei.

Unter anderem hat man uns gesagt: „Sie wollen mehr als eine Variable verändern. Offensichtlich verstehen Sie nicht, wie man klinische Studien durchführt.“ Unsere Antwort: „Offensichtlich haben Sie keine Ahnung von der Alzheimer’schen Krankheit, weil es eine Krankheit ist, die auf mehr als einem Faktor beruht!“

Allerdings wollen wir nun hier in den USA mit einer anderen Gruppe dieselbe Studie durchführen. Wir hoffen, dass es nun zugelassen wird. Aber das setzt voraus, dass ein Umdenken stattfindet darüber, was klinische Studien sein sollen.

VB: So ist es. Als Laie kann man sich nur wundern, weshalb es so lange gedauert hat, bis Behörden und die Wissenschaft verstanden haben. Denn es fällt doch auf, dass dieselben Risikofaktoren, die Sie explizit genannt haben, bei vielen unterschiedlichen Krankheitsbildern eine Rolle spielen.

Sie haben Leaky Gut erwähnt. Ich hatte das Glück, mit Dr. Steven Gundry über sein Buch „The Plant Paradox“ sprechen zu können. Über die Probleme, die Lektine verursachen können. Nicht zuletzt zählt dazu das Problem der durchlässigen Darmschleimhaut [Leaky Gut], Wenn ein Toxin diese Barriere überwindet und in die Blutbahn gelangt, dann ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis es sich im auch im Gehirn nachweisen lässt, oder?

Dr. Bredesen: Nun, natürlich gibt es eine Blut-Hirn-Schranke, aber so wie man eine durchlässige Darmwand bekommen kann, so kann die Blut-Hirn-Schranke durchlässig werden, wie Sie wissen. Ja, diese Dinge sind alles entscheidende Faktoren und, wie ich im Buch erwähne, hatte ich eine Besprechnung mit einem hohen Beamten, der verantwortlich war, Alzheimer zu bekämpfen, dem ich die Physiologie der Erkrankung zu erklären versuchte.

Seine lakonische Antwort lautete: „Wenn Sie das Krankheitsbild auf drei Faktoren zu reduzieren, anstelle von 36, dann ließe ich mit mir reden.“ Das ist natürlich Dummheit. Mann kann nicht sagen, „ändern Sie die Krankheit“. So reden Politiker. Das ist weder wissenschaftlich noch medizinisch vernünftig.

Es ist eine Tatsache, dass wir mit der Erkrankung fertig werden müssen, die sich uns zeigt. Sie läßt nicht mit sich handeln, ob sie sich ändern ließe. Ich bin überzeugt: je mehr sich zeigt, was passiert, je mehr wir sehen, dass man nie dagewesene Erfolge erzielt, wenn man tatsächlich alle relevanten Faktoren adressiert, [desto eher] werden wir in der Lage sein, vielen Menschen diese Behandlung zukommen zu lassen.

VB: Mir fällt auf, dass es ähnlich ist, wie mit der Klimaforschung, auch wenn das ein anderes Gebiet ist: Auch dieser Bereich ist extrem komplex, doch die Zeichen stehen mehr als deutlich an der Wand, dass der Klimawandel
vom Menschen mitbeeinflusst ist. Also sollten wir etwas unternehmen. Auch wenn wir eine bestimmte Art von Beweisführung noch nicht haben leisten können, doch was brauch man noch, um auf Basis der vorliegenden Informationen zu handeln? Das gilt sowohl für das Klima, als auch für die Gesundheit, meine ich.

Dr. Bredesen: Ein sehr guter Punkt! Ich glaube, dass wir als nächsten Schritt eine anonymisierte Überkreuzstudie benötigen, also eine übliche klinische Studie, denn: selbst wenn wir dies in Einzelfällen hundert- oder tausendfach gesehen haben, wie ich eingangs erwähnte, und weitere Fälle nun publizieren, so benötigen wir doch eine typische klinische Studie und das ist natürlich schwierig, weil es multivariabel sein muss, anstatt monovariabel.

Doch wir müssen zeigen, was passiert. Wie Sie mit Ihrem Hintergrund wissen: Politik und Geld ist ein starker Treiber, und so wird es nicht ohne Wirkung bleiben, wenn wir zeigen, dass Gesundheitskosten gesenkt werden können. Und wenn sich zeigen lässt, dass auch Medikamente, (…) die bislang wenig Wirkung haben, bessere Ergebnisse erzielen, wenn sie auf einen personalisierten Behandlungsansatz aufgesetzt werden. Dann wird der Ansatz auch großes Interesse erfahren.

VB: Lassen Sie mich das bitte kurz wiederholen, weil die Leitung schlecht war: Sie sagten, dass Ihr Protokoll auch die Wirksamkeit und Effizienz von Medikamenten erhöhen wird. Sie haben selbstverständlich auch eine wichtige Rolle in der modernen Medizin und niemand bestreitet das.

Dr. Bredesen: Exakt! Ich denke, dass die Zulassung neue Medikamente auch unter der Berücksichtigung eines solchen personalisierten Ansatzes getestet werden sollten. Weil die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ihr Ansatz greift. Wir verwenden die Analogie eines Dachs, welches 36 Löcher aufweist:

Wenn ein undichtes Dach 36 Löcher hat, wie bei Alzheimer, wo die unterschiedlichen Mechanismen wirken, kann natürlich ein neues Medikament ein sehr guter Flicken sein — für eines dieser 36 Löcher! Aber es wird die anderen nicht abdichten können. Man muss die anderen Löcher flicken, um den Effekt zu erkennen, den ein neues Medikament haben kann!

VB: Ja. Ich habe noch eine sehr lange Liste an Fragen, und natürlich ist das Thema zu breit, um alle Fragen zu beantworten, die sich stellen können.

Aber ich wäre dankbar, wenn Sie etwas erläutern könnten zum „Ketoflex 12/3“ Modell, welches offensichtlich einen wichtigen Aspekt betrifft, den jeder Einzelne tun kann, um sein persönliches Risiko für kognitiven Verfall zu senken.

Dr. Bredesen: Ja, das ist ein guter Punkt! Eine spannende Frage lautet: Welches ist der optimale Ansatz im Bereich Ernährung?
Wir wissen, dass Ernährung einen kritischen Anteil ausmacht. Menschen mit dem Metabolischen Syndrom haben ein deutlich erhöhtes Risiko, Menschen mit Diabetes Typ II, ganz wichtig, und leider auch sehr verbreitet in unserer Zeit. Ihr Alzheimer-Risiko verdreifacht sich! Die Bedeutung liegt also auf der Hand.

Unseren Vorschlag haben wir „Keto-Flex-12/3“ genannt aus diesen Gründen: Wir möchten die Menschen in den Zustand von leichter Ketose bringen.

Die Gehirnfunktion verbessert sich immer wieder, wenn der Zustand leicht ketogen ist. Wenn ich „leichte Ketose“ sage, dann empfehle ich, dass Sie sich ein Ketonmeter besorgen, sie kosten nicht viel und sind leicht anzuwenden. Sie wollen in den Bereich kommen zwischen 0,5 und 4 mmol/L Betahydroxybutytrat. BHB ist einer der Ketokörper. Das ist also der Teil „Keto“.

„Flex“ bedeutet: Manche möchten Vegetarier bleiben, und das ist in Ordnung, andere möchten Fleisch oder Fisch oder beides essen, das ist auch wunderbar. Es ist „flexitarisch“, aber wir geben zu bedenken, dass es sich [bei Fleisch] um „Beilagen“ handeln sollte, nur ein kleiner Teil der gesamten Ernährung.

Der Hauptteil der Nahrung sollte Gemüse sein: Unterschiedliche Sorten, Farben. Bitte Bio-Anbau, weil sie die Toxine as konventionellem Anbau vermeiden sollten.

Wie gesagt, Sie wollen in den Bereich kommen zwischen 0,5 und 4 mmol/L BHB
Es [Ketoflex 12/3] ist also nicht nicht zu verwechseln mit typischen Keto-Diäten, bei denen man fetten Schinken isst. Hier geht es darum, sich auf Gemüse zu fokussieren und gute Fette, wie Avocados, Nüsse und Samen. Es ist übrigens sehr ähnlich zu den Empfehlungen von Dr. Steven Gundry in seinem Buch „The Plant Paradox“. Und ebenfalls sehr ähnlich zu den Empfehlungen von Dr. Joseph Pizzorno aus seinem Buch »The Toxin Solution« [deutsch: Toxine – Die unsichtbare Gefahr]. Ballaststoffe sind sehr wichtig, sowohl lösliche als auch unlösliche Ballaststoffe, und dieses Entgiftungsprogramm sollte dauerhaft laufen, weil wir alle vielen Toxinen ausgesetzt sind.

Also es ist leicht ketogen, es ist flexitarisch, wenn Sie Fleisch essen möchten, achten Sie auf Freiland-Hühner. Fleisch von Weiderindern ohne Getreidefütterung, und natürlich wildgefangenen Fisch, keine Aquakultur. Und SMASH-Fisch, also Lachs, Makrele, Anchovis, Sardinen und Hering, nicht die großen Fische wie Thun- oder Schwertfisch und Hai, die stark belastet sind mit Quecksilber.

Die Zahlen „12 / 3“ beziehen sich dann auf die Zeiten des Fastens:
Es sollten 12 Stunden vergehen zwischen Ihrem letzten Mahl am Abend und der ersten Nahrung am Morgen. Falls Sie Apo E4-positiv sind, sollten es sogar 14-16 Stunden sein! 12 Stunden, wenn Sie Apo E4-negativ sind.

Der Grund dafür liegt darin, dass Sie mit Apo E4 Fett besser aufnehmen können. Ihre Genetik ist also darauf programmiert, dass sie länger ohne Nahrung auskommen. In der Wüste überleben Menschen mit Apo E4 besser als Apo E4-negative Menschen.

Soweit also zur »12«. Die »3« bezieht sich auf die Zeit vor dem Schlafengehen. Sie sollten mindestens drei Stunden vor dem Schlafengehen nichts mehr essen. Denn Ihr Insulinspiegel sollte niedrig sein, wenn Sie zu Bett gehen.

Das ist die Idee hinter dem »Ketoflex 12 / 3«. Zu diesem Thema bereiten wir ein eignes Buch mit weiteren Tipps und Hinweisen vor. Es gibt auch eine Webseite, die detailliert über Ketoflex 12 / 3 informiert.

VB: Wow! Bitte erlauben Sie eine weitere Frage: Es gibt ein anderes Buch, welches mich stark beeindruckt hat, um komplexe Zivilisationskrankheiten zu verstehen und zu bewältigen. Es ist das Buch »After Cancer Care« von Dr. Dwight McKee. Darin wird ein Programm zur Nachsorge für Krebspatienten beschrieben, in dem der Dreiklang von Bewegung, Stressmanagement und von Ernährung eine wichtige Rolle spielt. Auch in Ihrem Buch geht es um diesen Dreiklang. Ist das ein Zufall?

Dr. Bredesen: Sie sprechen da einen wichtigen Punkt an. Sie wissen, dass auch [Dr.] Valter Longo intensiv auf diesem Gebiet forscht. Und er nennt es die »Fasten-imitierende Ernährung« [Fasting-Mimicking Diet, FMD]. Dadurch wird die Epigenetik optimiert, man ändert die Biochemie des Körpers, und zwar so, dass es Alzheimer vorbeugt, und, ja, ebenfalls Krebs. Herz-Kreislauf-Erkrankungen beugt es übrigens auch vor!

Und damit kommen wir auf einen Umstand zurück: ein Teil solcher Erkrankungen liegt in Fehlern begründet, die wir als moderne Gesellschaft begangen haben. Sowohl was unsere Nahrung anbelangt, unseren Schlaf, Stress als auch Bewegung und andere Aspekte. Auch die industrialisierte Nahrungsmittelproduktion hat dazu beigetragen. Der Einsatz von Pestiziden.

Diese Dinge haben uns mit der Zeit chronische Probleme beschert. Und sie haben Recht: Die Behandlung solcher Erkrankungen hat eine Menge gemeinsam!

VB: Vielen Dank für diese Bestätigung! (…)

Dr. Bredesen: Uwe, wir hatten für einen Moment keine Verbindung. Die Leitung von Skype war schwach. Könnten Sie die Frage wiederholen?

VB: Das tut mir leid. Natürlich! Die Frage lautet: Supplementation der Ernährung, die zu einem großen Teil aus industriell verarbeiteten Lebensmitteln besteht. Dies mit Mikronährstoffen zu ergänzen, ist in der Wissenschaft und in der Medizin umstritten. Mich würde dazu Ihre Meinung interessieren?

Dr. Bredesen: Ja, gerne. Lassen Sie uns einen Schritt zurück gehen. All diese Erkrankungen lassen sich durch drei Parameter beschreiben:
Auslöser, Reaktion und genetischer Hintergrund. Diese drei schaut man sich jeweils genau an. Es gilt die richtigen Ansätze zu finden für den jeweiligen Auslöser und die Reaktion ihres Körpers auf der Basis des genetischen Hintergrunds.

Den ersten Teil – Ernährung, Bewegung, Schlaf – haben wir bereits besprochen. Sie sind absolut zentral. Und wir wissen, wie man sie für die Erkrankungen optimiert. Dann – für das Feld kognitiver Degeneration – Gehirntraining, Neuroplastizität. Professor Brusneck hat gezeigt, dass man sich die Plastizität des Gehirns zunutze machen kann. Bestimmte Hormone, die das Gehirn erhalten und unterstützen.

Und schließlich: bestimmte Ergänzungen. Dabei sprechen wir von einigen Mikronährstoffen. Dinge wie etwa Pyridoxal-5-Phosphat [die aktive Form von Vitamin B6]. Oder wie Vitamin B 12 beispielsweise. Wie sieht das Homocystein aus, ein Risikofaktor für kognitiven Verfall.

Das muss gesenkt werden. Sehr schöne Studien dazu aus Großbritannien, die gezeigt haben, wie Probleme mit steigendem Homocystein größer werden. Und wie man damit umgeht und so den Verlauf der Krankheit beeinflusst. Also den altersbedingten Abbau des Gehirns. Dazu sind spezielle Kräuter wichtig, die seit vielen tausend Jahren verwendet werden und die die Säuberung von Ablagerungen unterstützen. Bacopa monnieri [kleines Fettblatt], Rhodiola, Hericium erinaceus [Löwenmähne] ist ein weiteres natürliches Mittel, welches zu einem Anstieg des Nervenwachstumsfaktors NGF führt. Dies alles kann, wenn es personalisiert auf Ihre Biochemie abgestimmt ist, wichtige Unterstützung bringen.

Nochmals: Es geht um einen gezielten Ansatz im Hinblick auf die Art des Angriffs, die Reaktion und die Genetik. Man kann dies heute gezielt einsetzen. Und natürlich sind auch Vitalstoffe hierbei sehr hilfreich.

Sie müssen die richtigen finden, sie müssen das Richtige tun für Ihre Biochemie.

Eines der großen Probleme, die wir in der amerikanischen Medizin zumindest hatten, war der Streit um die sogenannten WNL Grenzen: Within Normal Limits [Innerhalb normaler Grenzwerte]. Man kann einen Homocystein-Spiegel haben von 20, was tatsächlich schrecklich wäre, aber es ist innerhalb von zwei Standardabweichungen vom Mittelwert, also nennt man das „normal“. Sie können einen Vitamin B12-Wert von 300 haben, der Wert ist schrecklich niedrig, aber er liegt innerhalb von zwei Standardabweichungen und daher „im normalen Bereich“

Ich ziehe es vor, meinen Patienten zu raten, Werte anzustreben wie ein Spitzensportler. Sie wollen nicht am niedrigen Ende der Norm liegen, sie wollen im optimalen Bereich liegen! Und es geht hier auch nicht um Statistik, sondern um die körperliche Verfassung der Menschen!

VB: Und das ist ja im Kern der Ansatz der Functional Medicine [funktionale Medizin], nicht wahr?

Dr. Bredesen: Ja. Ich würde aber den Ansatz der „Präzisionsmedizin“ bevorzugen. Und natürlich haben die funktionale Medizin, die ganzheitliche Medizin und die Präzisionsmedizin in dieser Hinsicht das gleiche Ziel: die Ursache einer Erkrankung behandeln. Dazu muss die Ursache zunächst gefunden werden, und dann alle beteiligten Faktoren dieser Ursache angehen.

VB: Dr. Bredesen. Wie gerne würde ich dieses Gespräch fortsetzen! Es würde Ihren Kalender sprengen, und auch Skype sendet bereits eindeutige Signale. Die Leitung wird schwächer. Lassen Sie mich daher diese Sitzung beenden! Haben Sie herzlichen Dank für diesen faszinierenden Einblick in Ihre Arbeit und in die Komplexität unserer Gesundheit, aber auch in die Möglichkeiten, die sich uns bieten, eine gute Gesundheit zu bewahren. Vor allem gute kognitive Fähigkeiten, die sehr, sehr wichtig sind. Denn unser Verstand hebt uns ab von anderen Säugetieren. Die Fähigkeit, unser Gehirn einzusetzen, zu denken und zu argumentieren. Das wollen wir erhalten, wobei Ihre Arbeit
einen enorm wichtigen Beitrag leistet.

Ihr Buch hat den Titel »The End of Alzheimers« – auf deutsch erscheint es im Mai unter dem Titel »Die Alzheimer-Revolution« – Wir freuen uns sehr darauf! Vielen Dank nochmals für dieses faszinierende Gespräch, Dr. Dale Bredesen!

Dr. Bredesen: Danke! Lassen Sie uns zusammen arbeiten, um die weltweite Last der Demenz zu minimieren!

VB: Ihnen das Beste! Auf Wiedersehen!

Veröffentlicht von

Uwe Alschner

Uwe Alschner, Dr. phil. M.A., Traumdoc, Big Five for Life® Coach, ist begeisterter Blogger und Coach.

2 Gedanken zu „Alzheimer: »Fokus auf die Ursachen legen, dann ist Verbesserung möglich«“

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